Der Mythodea Roman: Zmaë – Die Wächter von Steinthal

Der kalte Stahl des Langschwertes glänzte matt in der trüben Morgensonne.

Baelyn ließ die Klinge keine Sekunde aus den Augen. Nervös glitt seine Zunge über die trockene aufgerissene Haut seiner Lippen. Ein einziger Schlag der mehr als vier Fuß langen Waffe, konnte ihn in zwei Hälften spalten. Die linke Hand packte den Riemen seines eisenbeschlagenen Schildes fester. Seinen Helm hatte er verloren gleich zu Anfang des Kampfes. Eine Schramme lief quer von seiner Schläfe bis hinab zum Ohr, doch es floss kein Blut. Kalter Wind strich über seine Haut, aber Baelyn spürte es nicht. Drei Schritte zu seiner Rechten trieben Arigh und Raeg den Gegner mit ihren Gleven langsam zurück. Der Krieger, den sie in die Enge gedrängt hatten, war von Kopf bis Fuß gepanzert. Über einem Kettenhemd trug er Harnisch, Arm- und Beinzeug. Seine Füße umschlossen eiserne Sabatons, den Hals schützte das tiefgezogene Visier des Helms und eine Haube aus Kettengeflecht, die der Mann darunter trug.

Baelyn bleckte die Zähne. Ein wandelndes Monstrum. Keinen ihrer Schläge schien der Mann zu spüren, nichts schien ihm Schaden zu können. Connaugh hatte es schon erwischt. Das Langschwert hatte ihm glatt das Bein abgetrennt, kurz oberhalb des Knies. Er regte sich nicht mehr, aber darauf konnte Baelyn gerade keinen Gedanken verschwenden. Raeg wagte einen schnellen Vorstoß. Die gekrümmte Klinge seiner Waffe schrammte kreischend über den Brustpanzer des Gegners ohne Schaden anzurichten. Mit seinem gepanzerten Arm rammte der Feind den Schaft der langen Waffe zur Seite und hieb mit dem Langschwert nach dem Soldaten. Arigh lenkte das Schwert mit einem schwerfälligen Schlag seiner eigenen Gleve ab, bevor es seinem Waffenbruder den Kopf spalten konnte.

So lange er auf den Beinen bleibt, haut er uns in Stücke. Er muss fallen.

Baelyn sprang vor, einen heiseren Schrei auf den Lippen. Das Schild hielt er halb vor den Körper, sein Schwert flog im weiten Bogen heran. Die Klinge seines Gegners blockte den Schlag fast mühelos, obwohl der Soldat alle Kraft hineingelegt hatte. Baelyn bleckte die Zähne, machte noch einen schnellen Schritt und rammte seinen Schild gegen den anderen Mann. Irgendetwas an seinem ohnehin zerschlissenen Wappenrock riss. Er ignorierte es genauso wie das schmerzhafte Ziehen in seinem Bein und schob mit dem ganzen Körper. Der Fremde wankte.

Gnnrrrrr!“ Baelyn knurrte wie ein Tier und spannte alle Muskeln an. Die Schwerter der beiden Männer waren ineinander verschränkt, die Distanz viel zu kurz um zu stechen oder zu schlagen. Einen Augenblick lang taumelten beide Kämpfer, wie in einem grotesken Tanz. Der Atem des anderen blies Baelyn keuchend ins Gesicht. Dann verloren sie den Halt. Stürzten miteinander, verkeilt, verschlungen, beide hilflos. Sein Gegner landete mit einem krachenden Scheppern auf dem Rücken. Die Hand des Soldaten ging zu seinem Dolch und zog die Waffe, doch bevor er zustechen konnte, packte ihn die rechte Hand seines Feindes am Hals. Die gepanzerten Finger schlossen sich um seine Luftröhre, drückten zu. Baelyn bekam keine Luft. Er spürte, wie etwas in seinem Hals unter dem Druck zerbarst.

Zsssssss!“ Nur ein raues Zischen wie von einer wütenden Schlange drang aus dem Mund des Soldaten, als er seinen Dolch nach unten stieß. Die Spitze zielte auf den schmalen Schlitz des Visiers. Im letzten Moment brachte der niedergeworfene Krieger seine andere Hand dazwischen. Die schmale Klinge drang durch das Leder an der Innenseite des Panzerhandschuhs durch Haut und Knochen. Ein dumpfes Keuchen, schmerzerfüllt, klang aus dem Helm hervor. Doch der Griff des Mannes um Baelyns Hals wurde trotzdem nicht schwächer.

Hör endlich auf dich zu wehren, verdammt! Aber der andere tat ihm den Gefallen nicht.

Die durchstoßene Hand schloss sich um die Klinge des Dolches und hielt ihn fest. Die andere Faust würgte Baelyn weiter. Wann hatte er zum letzten Mal Luft geholt? Er wusste es nicht mehr. Seine Kehle war wie in eiserne Ketten geschlagen, die sich langsam zuzogen. Plötzlich ruckte der Kopf seines Gegners zurück, die Kraft in seinen Fingern erschlaffte. Aus dem Hals des Mannes, knapp unterhalb des Helmrandes, ragte die rostige Spitze einer Gleve. Die Wucht der langen Waffe hatte die Ringe der Kettenhaube glatt durchschlagen. Baelyn blickte auf. Arigh grinste ihn über den Schaft seiner Waffe breit an. Dass dem Mann mehr als die Hälfte der Zähne fehlten, nahm dem Lächeln viel seiner Wärme.

Hat dich fast gehabt, der Kerl, eh?“

Baelyn versuchte zu antworten, aber er brachte kein Wort heraus. Sein Kehlkopf schien zerquetscht zu sein, einer seiner Halswirbel war gebrochen. Bei jeder Bewegung seines Kopfes knirschte es bedrohlich.

Connaugh ist hin“, kam Raegs Stimme aus dem Hintergrund. Er hatte sich neben den niedergestreckten Kameraden gehockt und hielt dessen abgeschlagenes Bein locker in der Hand.

Zu viel, alles in allem, schätze ich.“

Arigh spuckte aus. „Bei der heiligen Agneta, was für eine Scheiße. Er schuldet mir noch Geld und gar nicht mal wenig.“

Nimm den Arm, der sieht noch ganz gut aus“, schlug Raeg vor. „Der bringt bestimmt was ein, wenn du ihn nicht selbst brauchst.“

Arigh ging hinüber und besah sich den Leichnam. Baelyn schnaubte und schüttelte vorsichtig mit dem Kopf. Seine Knochen knirschten. Es gab später noch genug Zeit, Körperteile zu fleddern. Arigh war immer schon zu gierig gewesen, im Leben wie im Untod.

Sachte tastete Baelyn mit seiner Hand nach dem Verschluss und öffnete das Visier seines Gegners. Die Augen des Toten blickten starr in den wolkenverhangenen Himmel. Ungläubig, so als hätte er es bis zum letzten Moment nicht begreifen können, dass das Leben aus seinem Körper wich. Dass sein Herz aufhörte zu schlagen. Für immer.

Du hast auf der falschen Seite gekämpft, wenn du auf die Ewigkeit gehofft hast, werter Herr Ritter, dachte Baelyn und lächelte grimmig.

„Zmaë – Die Wächter von Steinthal“ – Ein Mythodea Roman. Demnächst im Verlag Schwarze Ritter …

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