Auf dem monströsen Tisch lag ein regungsloser Körper

Der linke Arm und das rechte Bein fehlten. Der starre Blick der toten Augen, die Mimik des bleichen Gesichts, der halb geöffnete Mund – das alles wirkte, als wäre der Mann überrascht über seinen Zustand, so als würde ihn der Verlust seiner Gliedmaßen unerwartet treffen. Über den Leib gebeugt stand eine hagere Frau in schwarzen verblichenen Roben, mit einem hohen Stehkragen. Über ihren düsteren Gewändern hatte sie eine Schürze gezogen, die einmal weiß gewesen sein mochte, nun aber von zahllosen Flecken durchtränkt, eher eine bräunliche Farbe aufwies. Auf dem Kopf trug die Frau eine steife Kappe aus schwarzem Filz. Ihre Haare waren strähnig, dunkelbraun, von grauen Linien durchzogen.

Die Frau blickte zwei Dienern über die Schulter, die wie sie nahe des Leichnams standen. Stumm, nur mit den dürren Fingern deutend, gab sie Anweisungen an die Fleischnäher. Ruckartig fuhr die Säge in der Hand des einen vor und zurück. Der andere hielt das tote Fleisch des Körpers sorgsam fest, während der Arm abgetrennt wurde. Der Knochen und das Gelenk leisteten hartnäckigen Widerstand.

Der Captain wartete, bis die Equilibra und ihre Gehilfen ihre Arbeit beendet hatten und Säge, Beil und Messer zur Seite gelegt wurden. Mit dem abgetrennten Arm in den Händen wandte sich die Nekromantin zu Mordagh um.

„Ihr seid geduldig, Captain.“ Ihre Stimme war rau und tief, so als würden Felsbrocken aneinander gerieben. Sie passte nicht zu dem schmalen Körper der Frau.

„Ist Geduld nicht eine der Tugenden von jenen, die das Leben hinter sich gelassen haben und den Tod nicht mehr fürchten?“, fragte Mordagh.

Die Equilibra lachte heiser.

„Das mag sein, Captain, aber sie ist keine Tugend der Krieger. Viele deiner Commons kennen sie nicht.“

„Ein guter Soldat weiß, wann er zu warten und wann er zu handeln hat. Jeder Common, der das vergisst, ist kein guter Soldat.“

Die Frau nickte.

„Ihr seid schlau, Captain. Das schätze ich an euch. Kein ehemaliger Schuster oder Bauer, wie die meisten dort draußen im Lager. Nicht das einfache Herkunft etwas Schlechtes sein muss … wenn man daraus lernt und nicht die eigene Ignoranz obsiegen lässt.“ Sie machte einen Schritt auf den Captain zu, den Arm immer noch in den Händen haltend, wie eine Mutter ihr hilfloses Kind.

Die beiden Fleischnäher waren stumm im hinteren Bereich des Zeltes verschwunden wie Albgestalten in einem bösen Traum.

„Ein Soldat mit Geduld, mit Tatkraft. Ein Anführer. Ein Mann mit Ambitionen.“ Sie lächelte kalt.

„Ein gefährlicher Mann, würden manche sagen.“ …

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