Leseprobe: Die Dämonenkrone

„Bei allen Defeln der Hel!“, rief Ihla aus und hielt ihre Schwerter in Abwehrposition. Als die Kugel zerplatzte, materialisierte sich aus grauem Rauch ein kaum kniegroßer, selten hässlicher Dämon, mit gebeugtem Rücken und Armen, die bis zum Boden hingen. Er zischte und fluchte und hockte sich vor ihnen hin. Der Dämon hatte eine derbe, dunkelbraune Haut, die im Licht der Monde fast schwarz wirkte. In dem düsteren, verwachsenen Gesicht blinkten drei rote Augen – unfreundlich und verschlagen. Er stank nach feuchter Erde und altem Kohl.

„DU HAST MICH GERUFEN?“ donnerte eine ungewöhnlich kräftige Stimme über den Friedhof. „WIE KANN ICH DIR ZU DIENSTEN SEIN?“, fragte die Stimme des Dämons, wobei es Ihla nicht so vorkam, als würde dieses Wesen ihnen gerne seine Dienste anbieten.

„Grux, ich grüße dich“, sagte Mailanos jovial. „Ich habe einen Auftrag für dich. Und schrei nicht so.“

„Gewiss“, antwortete der Dämon nun leiser. Eine gespaltene Zunge wischte schmatzend über dicke, fleischige Lippen. „Aber ich glaube, Euer Pentagramm ist fehlerhaft, Meister. Darf ich bei der Reparatur helfen?“ Der Dämon kam auf Mailanos zu, der aber wie ein Fels stehen blieb.

„Noch einen Schritt, und du wirst dich schmerzhaft verbrennen, Grux“, sagte er und zeigte mit dem leuchtenden Stab auf den Dämon. „Du hattest schon bessere Tricks drauf. Das Pentagramm ist perfekt. Das weißt du genau.“ Er wandte sich an Ihla. „Ansonsten hätte er uns schon angegriffen.“ Wieder ging sein Blick zu dem Dämon. „Nicht wahr?“

Der Dämon grinste ein zähne bewehrtes Grinsen. Sabber lief ihm aus dem Maul. „Aber nein. Das würde ich niemals tun, … Meister.“ Das letzte Wort hörte sich an, als käme es nur mit Schmerzen über seine Lippen.

„Er muss mir zu Diensten sein, wann immer ich es verlange“, sagte Mailanos zu Ihla. „Das macht er natürlich nicht gerne und er ist auch nicht für alles zu gebrauchen …“

„Das ist unwahr!“, mischte sich Grux beleidigt ein.

„… aber bisweilen sehr nützlich.“

„Das wiederum ist nur zu wahr!“, meinte der Dämon.

„Ach übrigens.“ Er hielt Ihla am Arm. „Verlasse nicht den Schutz dieser Linien, solange der Dämon hier ist. Er würde dich sofort anfallen und ich bin mir nicht sicher, ob du ihm gewachsen bist.“

„Ich bin brav“, säuselte Grux. „Du kannst ruhig rauskommen, mein Täubchen.“

„Ich habe mal gesehen, wie du einen ausgewachsenen Stier auseinandergerissen hast“, kommentierte Mailanos dies.

„Ach, der war doch schon tot.“ Grux verbeugte sich. „Wenn Euer Auftrag nicht so eilig ist, Meister, würde ich gerne …“

Mailanos war froh, das Gespräch in eine effizientere Richtung zu wenden. „Schweig, Dämon! Unter dieser Eiche, oder nah daran, liegt das Grab des großen Wenimenker. Finde das Grab und schaufel’ uns den Eingang frei.“

„Das ist meiner nicht würdig“, jammerte der Dämon Grux, begab sich aber an die Wurzeln der alten Eiche und begann sofort, mit seinen kräftigen Armen, das Erdreich beiseite zu schaufeln.

„Verblüffend“, kommentierte dies Ihla, als sie Dreck und Grasbüschel in hohem Bogen durch die Luft fliegen sah.

„Grux ist ein alter Scherzbold“, lachte Mailanos und zog den Kopf ein, als ein Haufen Dreck, vermischt mit Steinen, an seinem Kopf vorbeiflog. Ihla vermutete, dass dies nicht ganz zufällig geschehen war, denn der Dämon funkelte mit seinen roten Augen in ihre Richtung. „Er ist ein Erddämon und kaum jemand gräbt schneller und genauer, als diese Kreaturen. Frag die Zwerge: Sie kennen viele Erddämonen und beschwören sie bisweilen.“

„Für dreckige Zwerge arbeite ich nicht. Ich habe auch meinen Stolz“, kommentierte dies Grux aus einer gewaltigen Staubwolke heraus.

„Ich denke nicht, dass die Götter wollen, dass wir Dämonen in diese Welt lassen“, sagte Ihla skeptisch. Grux war inzwischen in einem tiefen Loch verschwunden, aus dem Erdschollen flogen und kratzende Geräusche zu hören waren.

„Hey, Grux? Was treibst du so lange? Bist du auf deine alten Tage gar faul geworden?“, schrie Mailanos in das Loch hinunter, was Ihla als unfair empfand. Sie hatte noch keinen Menschen oder Tier so schnell graben sehen, wie diesen kleinen Dämon. Besonders bedrohlich schien er ihr auch nicht zu sein. Sie entspannte sich ein wenig und beobachtete, wie eine Scholle Erde nach der anderen, an die Oberfläche gelangte

Zuletzt flog eine große Fuhre Dreck aus dem Loch, gefolgt von etwas, was sich für Ihla verdächtig nach „Verdammte Sklaventreiber!“, anhörte. Ein Geräusch erklang, als wenn Metall auf Stein trifft, gefolgt von einem Krachen und Poltern. Eine Staubwolke quoll aus der Grabung, die der Wind aber bald schon verwehte.

„Die Dämonenkrone“ von Ulrik van Doorn, Roman, Taschenbuch, 570 Seiten, 12.90 Euro.

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