Leseprobe: Die Herren der Tiefe

Reinhard saß im Dunkeln und hörte der Tür dabei zu, wie sie geöffnet wurde. Sie quietschte und knarzte, doch das hielt denjenigen, der dafür verantwortlich war, nicht davon ab, weiterzumachen.
Da er schon lange im Dunkeln saß, hatten sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt, und er erkannte sogleich drei Gestalten, die verstohlen in sein Zimmer schlichen und die Tür hinter sich zuschoben. Und da er vorgesorgt hatte und das Bett tatsächlich so aussah, als würde jemand
darin die Nacht verbringen, bemerkten ihn die drei Gestalten nicht.
Bemerkten nicht, dass er sich hinter ihnen erhob.
Bemerkten das Schwert nicht, das in seiner Hand ruhte und nur darauf wartete, Blut zu trinken.

„Er schläft“, verkündete einer der Halunken mit rauer Stimme, als hätten die anderen es noch nicht gesehen. „Bringen wir ihn gleich um, oder durchsuchen wir erst das Zimmer?“
„Noch nicht umbringen“, antwortete ein breiter Kerl, wohl jener mit der Narbenstirn. „Ich würde ihm ganz gern das Messerchen an die Kehle setzen, Falk. Und ihn dann fragen, was dieser Auftritt eigentlich sollte. Was er hier will, in Findling. Hat ein mächtiges Geheimnis draus gemacht.“
Falk zuckte mit den Schultern. „Stimmen wir ab“, schlug er leichthin vor. „Ich bin dafür, dass wir ihm den Garaus machen. Morawitz, was sagst du? Lobelin will ihn am Leben lassen, glaubt man das? Hä?“
Morawitz ließ nur ein Grunzen vernehmen, anscheinend war der Bursche nicht besonders helle.
„Zwei zu eins“, meinte Falk.
„Er hat dir nicht zugestimmt.“
„Hat er wohl. Hast es nur nicht verstanden. Also was jetzt, schlitzen wir ihn gehörig auf, oder willst du lieber tratschen wie ein altes Waschweib?“
Reinhard entschied, dass er genug hatte. Er räusperte sich. „Meine Herren, wenn ihr gestattet, nehme ich euch die Entscheidung ab. Selbst wenn ich in diesem Bett liegen würde, wäre ich schon wach geworden, als ihr mein Zimmer betratet.“
Die drei sprangen wie auf ein Kommando herum, und Falk stieß einen hohen Schrei aus, der dem einer auf den Schwanz getretenen Katze nicht unähnlich war.
„Packt ihn!“

Die Herren der Tiefe – ein Mythodea-Roman

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