Red Country – Joe Abercrombie

Ich bin der festen Überzeugung, dass Joe Abercrombie zu den talentiertesten Schreibern gehört, die es im Moment in der Fantasyszene gibt. Mit „Red Country“ hat er sich an einen Genre-Mix gewagt. Fantasy trifft klassisches Western-Setting. Ungewöhnlich? Auf jeden Fall. Gelungen? Daran mögen sich die Geister scheiden.

Im Zentrum der Geschichte stehen die junge Frau Shy, der alternde Farmarbeiter Lamb und der gescheiterte Theologe, Jurist und Schreiber Temple. Wie immer bei Abercrombie sind die Charaktere überaus vielschichtig. Lamb hat eine mysteriöse Vergangenheit und ist trotz seines harmlosen Namens ein furchteinflößender Kämpfer. Shy vertraut niemandem, ist hart und zynisch, eine zähe Frau, die trotz ihrer jungen Jahre schon eine Menge erlebt hat. Auch in ihrer Vergangenheit schlummert die eine oder andere Leiche. Die gibt es bei Temple wörtlich gesehen nicht, doch den überaus friedfertigen, ehemaligen Tempelnovize, der jedem Kampf aus dem Weg geht, belasten ganz andere Dinge. Gottvertrauen und Glauben treffen bei ihm auf die harte Realität der wilden Grenzlande. Zyniker, Verräter oder ehrenhafter Gottesmann, welchen Weg wird Temple am Ende wählen?

Die Charaktere machen sich gemeinsam auf die Jagd nach Shy´s entführten Geschwistern. Der Weg führt sie in die gesetzlose Region, jenseits aller Grenzen. Hier herrschen weder König noch Kaiser, die Menschen sind frei. Das Setting ist an die klassische Wilder Westen-Romantik angelehnt, inklusive Planwagen, wilde Ureinwohner und weite Prärie. Hier vermischen sich Western und Fantasy zu einer sehr ungewöhnlichen Szenerie. Statt mit Winchester und Colt, verteidigen die Siedler sich mit Armbrüsten gegen die Wilden, im Saloon der Goldgräberstadt halten Ritterrüstungen stumme Wacht. Mir persönlich viel es teilweise schwer, diesem Genre-Mix vor dem geistigen Auge zu folgen. Irgendetwas hakte immer, wenn ich mir die Szene vorstellen wollte. Mir hat das den Lesespaß aber nicht verdorben.

„Red Country“ ist spannend zu lesen, mit Abercrombie-typischen Charakteren, die mit ihren vielschichtigen Wesenszügen, gut und böse gekonnt in sich vereinen. Das Ende ist großartig geschrieben, auch wenn nicht alle Fragen geklärt werden. Es gibt im ganzen Buch keine typischen Helden und nur wenige „erzböse“ Schurken. Darin liegt die große Stärke von Abercrombie’s Erzählstil. Allerdings hat mich das ungewöhnliche Western-Fantasy-Setting nicht vollkommen überzeugt. Wer Joe Abercrombie neu entdecken will, der sollte mit seinen anderen Werken beginnen. Für alle anderen: sehr zu empfehlen.

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